Grundsatzpapier zur UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderung

SoMi 01/2017 >>

Die Katholische Erziehergemeinschaft als Berufsverband mit christlicher Wertorientierung vereint Pädagoginnen und Pädagogen aus den schul- und sozialpädagogischen Arbeitsfeldern. Gerade beim Thema Inklusion sieht die KEG die große Möglichkeit, die Professionalität unterschiedlicher Berufsfelder miteinander zu vernetzen und gemeinsame Zielrichtungen zu entwickeln.


Präambel

Die Katholische Erziehergemeinschaft (KEG) unterstützt die Intention der UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderung. Sie stimmt überein mit Art. 1, Satz 1: „Zweck dieses Übereinkommens ist es, den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten und die Achtung der ihnen innewohnenden Würde zu fördern“. Zu diesem Personenkreis „zählen Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können“ (Art1/Satz 2).


Grundlagen der UN-Konvention

Ein wichtiges Anliegen ist, dass Menschen mit Behinderung dieselben Teilhabe-Chancen wie den Menschen ohne Behinderung geboten werden. Im elementarpädagogischen wie im schulischen Bereich sieht die UN-Konvention vor, dass Kinder und Jugendliche mit und ohne Förderbedarf gemeinsam betreut und unterrichtet werden.

Als Katholische Erziehergemeinschaft befassen wir uns in diesem Grundsatzpapier mit der inklusiven Bildung von Kindern und Jugendlichen im elementarpädagogischen und schulischen Bereich.

Ausdrücklich sei fest gestellt, dass der inklusive Gedanke und dessen Umsetzung die gesamte Gesellschaft mit allen Lebensbereichen (Beruf/Arbeit, Wohnen, Freizeit, usw.) umschließt.

Bei der Umsetzung der Inklusion in die pädagogische Praxis stehen aus Sicht der KEG zwei wesentliche Aspekte im Mittelpunkt:

  1. Der fachlich – qualitative Aspekt:
    Die Qualität und der Umfang der heil- und sonderpädagogischen Fachlichkeit müssen erhalten bleiben. Weiter müssen die zusätzlich erforderlichen finanziellen, personellen und räumlichen Ressourcen bereitgestellt werden. Inklusion kann und darf kein Sparmodell werden.
     
  2. Der emotionale Aspekt:
    Bei der Inklusion geht es um eine zutiefst christliche, wertschätzende Grundhaltung zu jedem Menschen, um ein Menschenbild, in dem die Würde eines jeden einzelnen Individuums im Mittelpunkt steht.

Daraus folgt, dass die Entscheidung über den besten Bildungs- und Förderort für Kinder und Jugendliche immer eine individuelle, differenzierte Einzelfallentscheidung sein muss.


Inklusion aus Sicht der KEG Bayern

Inklusion muss in erster Linie in den „Herzen“ erfolgen, d.h. ein gesamtgesellschaftlicher Werte-Wandel muss statt finden, an dessen Ende nicht (mehr) die ökonomische „Wert-Schöpfung“ sondern die „Wert- Schätzung“ eines jeden einzelnen Menschen in seiner Individualität und in seinem personalen So-Sein im Mittelpunkt steht. Diesem zutiefst christlichen Welt- und Menschenbild sehen wir uns in unserem Berufsethos – als Pädagoginnen und Pädagogen in der KEG – verpflichtet.

Die Pädagoginnen und Pädagogen sind gefordert, Ängste anzunehmen, Überforderung wahrzunehmen, Grenzen zu akzeptieren und Mut zu Kreativität und pädagogischer Freiheit zu entwickeln. Sie benötigen dabei fachliche Unterstützung und Fort- und Weiterbildung, um ihre Professionalität weiter auszubauen.
Unerlässlich sind dabei die Reflexions- und Teamfähigkeit, die Bereitschaft sich auf Inklusions-Prozesse einzulassen und das kritisch-konstruktive Hinterfragen des schulischen und gesellschaftlichen Leistungsbegriffes.


Pädagoginnen und Pädagogen brauchen vor allem diese Haltungen und Einstellungen:

  • Offenheit, Optimismus, Empathie, Idealismus und Geduld
  • Vielfalt und Heterogenität als Bereicherung erkennen und als Chance sehen
  • Bereitschaft, Perspektiven zu wechseln
  • Blick und Achtsamkeit auf die unterschiedlichsten Begabungen
  • Achtung, Wertschätzung und Anerkennung des Anderen
  • Offenheit gegenüber veränderter Bildungs- und Unterrichtsarbeit (z.B.: kompetenzorientierter Unterricht, Bewertungen in Form von Kompetenzbeschreibungen, individuelle Förder- und Erziehungspläne
  • Unterstützungssysteme annehmen (z.B.: Supervision, sonderpädagogische Beratung, Coaching, Teamteaching, Kollegiale Fallberatung, ...)

Aus Sicht der KEG ist Inklusion eine Angelegenheit des Verstandes und des Herzens.
 

Die Katholische Erziehergemeinschaft in Bayern fordert:

Konzeptionell-systemische Bedingungen:

  • Frühzeitige Diagnostik und Beratung
  • Individuelle, fachlich qualifizierte Förderung
  • Kleine, entwicklungsangemessene Gruppen und Klassen
  • Geeignete ganztägige Betreuungs- und Bildungsangebote (z.B.: die Heilpädagogische Tagesstätte mit qualifiziertem Fachpersonal und einer lebenspraktischen Freizeit- und ganzheitlichen therapeutischen -Förderung
  • Individualisierung als durchgehendes und verpflichtendes Bildungs- und Unterrichtsprinzip
  • Vernetzung/Teamarbeit/Gemeinsame Konzepte in interdisziplinären Teams
  • Elternberatung

Zeitliche und finanzielle Ressourcen:

  • Unabhängige Elternberatung durch interdisziplinäre Teams Bildungspartnerschaften
  • Qualifizierte Aus-, Fort- und Weiterbildung

Sächliche und räumliche Bedingungen:

  • Sichere und angemessene Finanzierung mit weitgehend eigenverantwortlicher Budgetverwaltung
  • Spezielle Unterrichts-, Lehr- und Lernmittel (z.B.: Kommunikationstechnische Hilfen, ...)
  • Behindertengerecht umgesetztes Raumprogramm
  • Notwendige Hilfsmittel für besondere Förderbedarfe


Personelle Bedingungen:

  • Qualifizierte, universitär ausgebildete Lehrpersonen und Sonderpädagogen
  • Zusätzliche Betreuungs- und Lehrerstundeninterdisziplinär arbeitendes Personal
  • Ausbau der Mobilen Sonderpädagogischen Hilfen und Dienste
  • Intensive individuelle therapeutische Maßnahmen
  • speziell ausgebildetes Pflegepersonal


Die Bedeutung der Förderzentren
Die KEG sieht die Förderzentren – in all ihrer differenzierten Fachlichkeit – weiterhin als wichtigen Baustein im Bildungssystem, und zwar sowohl als ambulante sonder- und heilpädagogische Kompetenz- und Beratungszentren als auch als – teilstationäre – eigene Schulart. Denn auch hier wird im Sinne der Inklusion gearbeitet (z.B. im Hinblick auf die spätere berufliche Teilhabe)!

Als einen wichtigen und sinnvollen Weg erachten wir dabei auch die Möglichkeit der „Offenen Förderzentren“, in der SchülerInnen auch ohne „Handicap“ aufgenommen und inklusiv beschult und unterrichtet werden.

Insgesamt müssen die Förderzentren in ihrer Funktion als Kompetenzzentrum und als Ort sonderpädagogischer Professionalität und Fachlichkeit gestärkt werden. Den Förderzentren selbst muss ausreichend Personal zur Verfügung stehen. Dies gilt ebenso für den sonderpädagogischen ambulanten Dienst und den „Mobilen Sonderpädagogischen Dienst“ (MSD), denn es müssen und können verstärkt Anstrengungen unternommen werden, um den Anteil der Schüler mit Förderbedarf in inklusiven Settings an Regelschulen zu erhöhen!

Dabei werden die Schüler mit schwerst–mehrfacher Behinderung und die Kinder und Jugendlichen mit intensivem Förderbedarf im Bereich emotional-soziales Lernen die höchsten Herausforderungen an uns stellen – dieser Personenkreis darf auf keinen Fall vergessen werden. Unumstößlich muss für alle Kinder und Jugendlichen gelten: Sie haben ein Recht auf bestmögliche Bildung und Erziehung im vorschulischen und schulischen Bereich (Regelschule oder Förderzentrum).

 

Schlussbemerkungen

Inklusion aus christlicher Verantwortung heraus bedeutet, dem Anderen auf Augenhöhe zu begegnen. Inklusion benötigt ein großes Maß an Offenheit aller Beteiligten.

Inklusion braucht Anerkennung des Anderen; das ist mehr als Respekt und Toleranz: ich kenne ihn und schätze ihn Wert, so wie er ist.

Inklusion hat das Ziel, ein ganzheitliches Angebot für Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Förderschwerpunkten anzubieten.

Inklusion bedeutet, der Verantwortung für alle Kinder und Jugendlichen gerecht zu werden, sie in ihrer individuellen Begabung zu fördern und ihnen den Raum zu geben, sich nach ihren Begabungen und Möglichkeiten selbst entwickeln zu können.


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