Grammatik des Lernens wird verkannt – Professionalität des Lehrpersonals entscheidend

Klar Position bezogen zur Digitalisierung im Unterricht hat der Erziehungswissenschaftler und Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, Prof. Dr. Klaus Zierer, beim Neujahrsempfang der Katholischen Erziehergemeinschaft (KEG) Passau. Beispielsweise stellte er auf Basis empirischer Untersuchungen das Lesen und Lernen vom Papier gegenüber der Nutzung eines Tablets als nachhaltiger dar, durch dessen Einsatz das Tiefenverständnis von Texten verloren gehe. Der Referent monierte die "Verkenntnis der Grammatik des Lernens" und forderte stattdessen ein Mehr an Professionalität beim Lehrpersonal ein.

 


Strahlende Gesichter beim KEG-Neujahrsempfang auf Schloss Freudenhain: (v.l.) Stellvertretende KEG-Landesvorsitzende Verena Hötzinger, KEG-Bezirksvorsitzender Erwin Müller, Schulrat Klaus Sterner vom Staatlichen Schulamt Passau, Leitender Schulamtsdirektor Werner Grabl (Staatliches Schulamt Passau), Dr. Doris Cihlars von der Universität Passau, Kreisrat Bernd Zechmann, Gastredner Prof. Dr. Klaus Zierer von der Universität Augsburg, KEG-Kreis- und stellvertretende Bezirksvorsitzende Monika Freudenstein, Oberbürgermeister Jürgen Dupper, Schulrat Christoph Sosnowski (Schulamt Passau), Schulamtsdirektorin Susanne Swoboda (Schulamt Deggendorf), Toni Gschrei vom Sachausschuss Bildung und Erziehung des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Passau, Bürgermeister Urban Mangold, stellvertretender KEG-Bezirksvorsitzender Robert Drexler und Leitender Regierungsschuldirektor Franz Schneider von der Regierung von Niederbayern. Foto: Brunner


Schlechter Unterricht durch digitale Medien nicht besser

"Schlechter Unterricht wird mit digitalen Medien nicht besser", unterstrich Prof. Zierer in seinem knapp einstündigen Vortrag im Festsaal des Auersperg-Gymnasiums Freudenhain. Anhand der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung stellte er die These in den Raum, dass nur ein guter Unterricht von der Digitalisierung profitieren könne, und versuchte mit dem Mythos aufzuräumen, dieses Thema sei das bedeutsamste in der Schullandschaft. Nicht eine digitale Schule sei für notwendig zu erachten. "Viel wichtiger im Kern muss die Schule eine humane Schule sein – eine Schule von Menschen und für Menschen", erklärte der Gastredner unter dem Beifall der Zuhörer.

Eingangs hatte Prof. Zierer zu bedenken gegeben, dass ein Mensch über 15000 Stunden seines Lebens in der Schule verbringt. Zugleich machte er darauf aufmerksam, dass in der 9. Jahrgangsstufe nur noch knapp über 30 Prozent der Schüler Begeisterung für die Schule zeigten, somit also fast 70 Prozent der Lernenden für die Pädagogen verloren gingen. Umso mehr müsse man über Gegenmaßnahmen nachdenken. Nicht zuletzt besage ja auch die Bayerische Verfassung, dass die Schulen nicht nur Wissen und Können vermitteln sollen, sondern Herz und Charakter bilden.

Anhand der in der Forschung ermittelten Effektstärken von Einflüssen auf die Schüler zeigte der Erziehungswissenschaftler auf, dass beispielsweise die Beurteilung des eigenen Leistungsniveaus, die Selbstwirksamkeitserwartung und das Arbeitsgedächtnis sich viel positiver auswirkten als die außerschulische Smartphone-Nutzung. Der Digitalisierung wird nach den Worten von Prof. Zierer im Fremdspra-chenunterricht deutlich mehr Potenzial zugemessen als in anderen Fächern – etwa beim Lesen oder in den Naturwissenschaften. Überschätzt wird ebenso der Einsatz von Smartphones und Tablets im Unterricht.

Erfolgreiches Lernen erfordere, so der Schulpädagogik-Experte aus Schwaben, vor allem Herausforderungen anstatt Unter- oder Überforderungen, zudem intensive Gespräche und Rückmeldungen sowie eine gemeinsame Vision. Digitale Medien bedeuteten auf der einen Seite zweifellos eine technische Revolution, aber noch nicht im Kontext des Lernens, vor allem beim nachhaltigen Lernen. Erfahrungsgemäß sei das Notieren mit dem Bleistift nachhaltiger als das Eintippen von Informationen über die Tastatur. "Das Mitschreiben per Hand setzt bereits kognitive Prozesse in Gang", hob Prof. Zierer hervor.

Als Irrweg beschrieb der Referent die mit dem Begriff "Edutainment" überschriebene Schulpädagogik wegen der Attribute voraussetzungslos, ohne Anstrengung und unverbindlich. "Freiheit braucht Grenzen" formulierte Zierer als Gegenthese und forderte eine klare Unterscheidung zwischen dem, was technisch möglich und was pädagogisch sinnvoll sei. Als fatal brandmarkte er die Auffassung, dass man heutzutage ohnehin nicht mehr so viel Wissen anhäufen müsse, "weil’s im Internet steht". Entscheidend für erfolgreiches Lernen sei regelmäßiges Wiederholen, was – unabhängig vom digitalen Lernen – Anstrengung erfordere.

Nachhaltigkeits- und Wertepakt statt Digitalpakt

Von großer Wichtigkeit sind nach Überzeugung des Erziehungswissenschaftlers in der Schule Fachkompetenz sowie didaktische und pädagogische Kompetenz – vor allem "das Erklären-Können". Anstelle des vielzitierten Digitalpakts machte sich Prof. Klaus Zierer, den die KEG-Kreis- und stellvertretende Bezirksvorsitzende Monika Freudenstein als einen der derzeit renommiertesten Bildungsforscher angekündigt hatte, eher für einen Nachhaltigkeits- und Wertepakt stark. Sein vielbeachtetes Credo: "Wir brauchen Lehrpersonen, die eine Haltung mitbringen."

Sicherheit in Zeiten der Veränderungen, auch im Bildungssystem, wo noch mehr Erziehungsaufgaben auf die Lehrer zukämen, auszustrahlen, das legte der KEG-Bezirksvorsitzende Erwin Müller seinen Kolleginnen und Kollegen ans Herz. Er plädierte für Bereitschaft zum kritischen Dialog, um Lösungen zu schaffen, und verwies auf das Lösungsangebot der KEG. Müllers Botschaft an die Zuhörer während der von Steffi Rösch am Keyboard musikalisch umrahmten Veranstaltung: "Im christlichen Sinne den Menschen im Mittelpunkt behalten und in den Mittelpunkt stellen."

In Vertretung von Landrat Franz Meyer übermittelte Kreisrat Bernd Zechmann der KEG die Neujahrswünsche des Landkreises. Angesichts der umstrittenen politischen Rahmenbedingungen sei es umso wichtiger, starke Lehrerverbände wie die KEG zu haben. Zechmann verband damit die Hoffnung, dass deren Forderungen auch entsprechend Gehör fänden. Als das "Who is who" von Bildung in der Region charakterisierte der Passauer Oberbürgermeister die versammelte Lehrerschaft und Schulverwaltungssparte. Die Kommunalpolitik stehe mit großer Leidenschaft hinter den Schulen, wo hohe Kompetenz als Software geboten sei, um den Schülern auch Alltagskompetenzen zu vermitteln, so Jürgen Dupper.

Text und Foto: Bernhard Brunner

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