Appell an Lehrer: "Keiner darf verloren gehen"

Schulamtsleiter Werner Grabl sprach beim KEG-Neujahrsempfang über "Schule im Wandel" – Kommunikation mit Elternhaus wichtige Prämisse


Gastgeber und Gäste beim Neujahresempfang der Katholischen Erziehergemeinschaft (KEG) Passau: Bürgermeister Urban Mangold (v.l.), stellvertretender Landrat Klaus Jeggle, KEG-Kreisvorsitzende Monika Freudenstein, Leitender Schulamtsdirektor Werner Grabl, Schulamtsdirektorin Frieda Dollinger, Regierungsschuldirektor Franz Schneider sowie stellvertretender KEG-Kreis- und Bezirksvorsitzender Robert Drexler. − Foto: Brunner


Ein vielfaches Umdenken legt Werner Grabl, seit Februar 2016 Leiter des Schulamtes für Stadt und Landkreis Passau, des größten in Niederbayern, den Verantwortlichen in den Grund- und Mittelschulen, aber auch in den übergeordneten Behörden und Ministerien ans Herz. "Keiner darf verloren gehen", lautete Grabls Appell beim Neujahrsempfang der Katholischen Erziehergemeinschaft (KEG) Passau am Freitagabend angesichts der breiten Spanne von Schülern mit Verhaltensmustern nach dem Motto "Es ist alles erlaubt" über starke Vernachlässigung bis hin zu Behinderung.

So nachdenklich die meisten von Steffi Rösch an den Keyboards interpretierten Musikstücke die Zuhörer im Festsaal St. Maximilian am Steinweg stimmten, so betroffen machten sie ebenso einige Aussagen des Leitenden Schulamtsdirektors zur gegenwärtigen Großwetterlage in der Schullandschaft. Eingangs verwies Grabl auf den akuten Lehrermangel an Grund- und Hauptschulen – trotz genügend Geld aus dem Kultusministerium. Kein Wunder, denn viele Lehrer und Lehrerinnen fühlten sich heute viel stärker als früher bis an die Grenzen belastet.

Nachhilfe-Umsatz höher als der von McDonald’s

Harte Realität, wie der Festredner hinzufügte. Schlagwörter dazu unter anderem: schwierige Schüler, nörgelnde Eltern, schleichende Resignation, Ärger über Bürokratie und Schulverwaltung. Anhand einer Studie der Uni Potsdam mit rund 16000 Lehrern aus dem gesamten Bundesgebiet sowie 2500 Lehramtsstudierenden und Referendaren – annähernd 8000 Vertreter anderer Berufe zu Vergleichszwecken mit einbezogen – skizzierte Grabl Gründe für das nachlassende Interesse am Lehrerberuf.

15 Prozent der Lehramtsstudenten brechen ihre Ausbildung nach dem 1. Staatsexamen ab, wie der Schulamtschef berichtete. Er ließ aber nicht unerwähnt, dass jedes Semester Tausende junger Leute – besonders für die Bereiche Realschule und Gymnasium – in die Unis und Pädagogischen Hochschulen strömten, um Lehrer zu werden, wobei die Zahl in Passau gegenwärtig sinke. Grabl blickte zurück in die Geschichte des Berufs und beleuchtete den grundlegenden Anspruch ans Lehrerbild aus der Zeit von vor 150 bis 200 Jahren, unter dem man noch heute leide: "Die Notwendigkeit, viele Schüler zur gleichen Zeit mit dem gleichen Stoff mit möglichst gleichen Lernergebnissen zu unterrichten."

Dies war nach den Worten des Redners die Geburtsstunde der Einteilung in Jahrgangsklassen und des Frontalunterrichts. Nach sämtlichen vorliegenden empirischen Untersuchungen sei diese Form des Lehrens mit ihren methodischen Handlungsmustern heute immer noch die weitaus dominierende, merkte Grabl an und stellte deren weiterhin volle Berechtigung außer Zweifel. Aus der Tatsache, dass der Jahresumsatz von Nachhilfe-Einrichtungen inzwischen höher sei als der von McDonald’s und aus Untersuchungen von Lernerfolgen im Hinblick auf die Heterogenität einer Klasse folgerte der Behördenleiter: "Wir müssen heute viel effektiver mit der zur Verfügung stehenden Lernzeit umgehen."

Ein Beweis für die Bedeutung dieser These: Finnlands Stundentafel weist weniger Stunden auf als in Bayern, die Schüler dort haben weniger Unterricht, sind aber in PISA besser, wie Grabl aufzeigte. Dieses Resultat führte er auf eine stärkere individuelle Förderung zurück. Deren Notwendigkeit sowie die Erfordernis der sehr persönlichen Integration widersprüchlicher Anforderungen zeigte der Schulamtsdirektor als "das zentrale Charakteristikum des Lehrerbildes der Gegenwart" auf. Auch bei der Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gelte es, den Blick immer wieder auf die schwächeren Schüler zu richten.

"Das hat nichts zu tun mit Kuschel-Pädagogik"Im Zusammenhang mit der zunehmenden Gewaltbereitschaft an Schulen machte er auf das vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband erarbeitete Manifest "Haltung zählt" aufmerksam. Generell sprach sich der Behördenchef für ein intensiveres Festhalten an den Werten unserer Gesellschaft und auch für eine wohlüberlegte Wortwahl im Unterricht aus. "Es geht um Freundlichkeit und Akzeptanz – das hat nichts mit Kuschel-Pädagogik zu tun", gab Grabl zu bedenken. Eine weitere ganz wichtige Prämisse: die Kommunikation zwischen Elternhaus und Schule. Der Schulamtsdirektor stellte den Gedanken in den Raum, warum es nur immer "Blaue Briefe" gebe und nicht auch einmal Schreiben an die Eltern mit dem Tenor, dass die Arbeit mit deren Kind unheimlich Spaß mache.

Die Forderung "Keiner darf verloren gehen" münzte er als zentrale Aufgabe auch mit Blick auf den Lehrermangel um und warb für die Wahl dieses schönen Berufs. Zugleich forderte der Festredner allerdings mehr Zeit und Ruhe in der Schule – und nicht ständig neue Reformen und Modelle – ein. Das Fazit des Schulamtschefs: "Weniger ist mehr, das gilt auch hier."

Neue Erziehungspartnerschaften und Kooperationsstrukturen zwischen Schule, Eltern, Kommune und kulturellen Einrichtungen standen ganz oben im Forderungskatalog der KEG-Kreisvorsitzenden Monika Freudenstein. Kraft von oben, die trägt und hält – das war der zentrale Wunsch im verlesenen Grußwort von Domkapitular Manfred Ertl. Dankbarkeit dafür, Schule zum Werte-Erlebnis und Erlebnisraum zu machen, zollte Passaus Bürgermeister Urban Mangold den Lehrern.

Anerkennung und Wertschätzung des Landkreises für die pädagogische Arbeit übermittelte stellvertretender Landrat Klaus Jeggle. Die Grüße des verhinderten KEG-Bezirksvorsitzenden Erwin Müller überbrachte der stellvertretende Kreis- und Bezirksvorsitzende Robert Drexler. Er griff die Achtung der jeweiligen Persönlichkeiten als einen der ganz neuen Ansätze der Erziehergemeinschaft im Programm "Schule jetzt" heraus und dankte den Funktionären für deren großartiges ehrenamtliches Engagement.

Bernhard Brunner, PNP vom 30.01.2017

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