Inklusive Bildung braucht mehr Finanzmittel, Personal und Sensibilität

Professor Dr. Hans Mendl mahnt auf dem Neujahrsempfang der KEG ein Umdenken in der Theologie an / Stigmatisierende Bibelstellen hinterfragen


Stellvertretender KEG-Bezirkschef Erwin Müller (von links), Domkapitular Manfred Ertl, Professor Dr. Hans Mendl, KEG-Kreischefin Monika Freudenstein, Landrat Franz Meyer, Josef Schätz von der Regierung von Niederbayern, Schulamtsdirektor Hubert Kainz und stellvertretender KEG-Bezirksvorsitzender Robert Drexler betonten die Leistungen der Lehrer und Erzieher.


„Inklusive Bildung ist nur dann sinnvoll, wenn sie systematisch konzeptionell, finanziell gut ausgestattet und personell professionell gestaltet wird.“ Sie darf kein Sparmodell sein und erfordert ein Umdenken in der Theologie. Das ist das Fazit des Festvortrags von Professor Dr. Hans Mendl vom Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik an der Uni Passau, auf dem Neujahrsempfang der Katholischen Erziehergemeinschaft (KEG). 50 Lehrer, Erzieher und Vertreter aus Kirche, Schule, Uni, Politik und Wirtschaft kamen in den Festsaal St. Max.

Inklusion beinhalte, dass alle Menschen die Möglichkeit erhalten, sich ganz und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen, unabhängig von Fähigkeiten, Herkunft, Geschlecht und Alter, betonte KEG-Kreisvorsitzende Monika Freudenstein. Ein Meilenstein dazu sei die UN-Behindertenkonvention, die in Deutschland 2009 in Kraft trat. Sie beinhalte, dass kein Kind wegen seiner Behinderung von der Regelschule ausgeschlossen werden darf. Doch dies scheitere oft schon an räumlichen Vorgaben, an Rollstuhlrampen, Aufzügen oder Behindertentoiletten. Inklusion erfordere ein Umdenken der Gesellschaft. Pädagogen seien besser auszubilden, zu unterstützen und rechtlich abzusichern. Sie müssten die Freiheit zur Kreativität nutzen können, um die Begabungen der Kinder zu entdecken. Ihre Bedürfnisse seien in das Zentrum zu stellen. Es gehe um das Wohl von Kindern, Erziehern, Lehrern und Eltern.

Damit dies gelingt, seien theologische und didaktische Klippen zu übersteigen, sagte Professor Hans Mendl unter dem Thema „Christliches Menschenbild und Inklusion“. Seine Position zur Inklusion war „zurückhaltend“. Man dürfe das christliche Menschenbild nicht vorschnell als inklusionsfreundlich bezeichnen. Er leitete daraus mit der „Brille der Inklusion“ betrachtet, sieben Dimensionen ab, darunter die „Gottebenbildlichkeit“, aus der sich die Würde des Menschen unabhängig von Begabung und Grenzen und die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit ergäben. Selbstbestimmung, Teilhabe und Begrenztheit ließen sich daraus ebenfalls begründen. Er vermisste aber eine inklusionssensible theologische Anthropologie.

Menschen mit Behinderung würden Lukas 14, 12 bis 14 über „Arme, Krüppel, Lahme und Blinde“ als einen der schlimmsten, behindertenfeindlichsten Texte sehen. In der Bibel gebe es durchaus diskriminierende Aussagen, bestätigte Mendl. Er zeigte an Wundererzählungen Infantilisierung und Stigmatisierung von Menschen mit Behinderung auf, die oft als Außenseiter gesehen werden. Er forderte, hermeneutische Brüche in der Bibel bewusst zu machen und zu hinterfragen, statt sie zu beschönigen, um ein neues Verständnis zu ringen. Inklusion sei auch eine Herausforderung für die Religionspädagogik. Er mahnte einen inklusionssensiblen Religionsunterricht und die Überarbeitung der Religionsbücher an. Inklusionssensible Religionsdidaktik brauche eine Blickverschiebung, wende sich gegen soziale Ausgrenzung.

Nicht theologische, auch bildungspolitische Hürden sind nach Mendl zu nehmen, damit Inklusion gelingt. Sie erfordere vielfältige Kompetenzen. Doch an der Uni sei sie kaum Thema. Sie werde vom Staat eingefordert, ohne die Lehrer personell und in ihrer Ausbildung zu unterstützen. Er warnte davor, Inklusion als Allheilmittel zu sehen und sonderpädagogische Angebote einzusparen. Als Skandal wertete er den Bundestagsbeschluss von 2009, die Umstellung auf Inklusion solle kostenneutral erfolgen. Das bayerische Modell, das lediglich eine Verschiebung von Finanzmitteln vorsieht, sei „halbherzig“.  In Österreich würden dagegen zwei Pädagogen in einer Inklusionsklasse lehren. Er trat für eine Pädagogik der Vielfalt ein, für mehr Sensibilität und eine andere Haltung im Umgang mit Behinderung. Das Selbstbestimmungsrecht dürfe nicht in Spannung zur Inklusion stehen. Diese erfordere mehr Geld und Personal.

Jungen Menschen Türen zu öffnen, sei Aufgabe der Lehrer, sagte Domkapitular Manfred Ertl. Ihm selbst öffnete der Religionslehrer durch seine Einfachheit und Bestimmtheit die Tür zum Glauben, und der Musiklehrer die Tür für die Botschaft der Musik. Er ermutigte die Lehrer, Türöffner zu sein.

Die Rolle der Stadt in Sachen Bildung sei eher nüchtern, sagte Oberbürgermeister Jürgen Dupper. Sie statte zum Beispiel Schulhäuser aus und gebe für die 26 Schulen mit ihren 60 Schülern insgesamt jährlich rund zehn Millionen Euro aus. Die KEG sei ein wichtiger Partner in der Bildung. Er zollte Lehrern und Erziehern Respekt für ihre Leistungen. Es sei wichtig, ihnen den Rücken zu stärken.

Auch Landrat Franz Meyer betonte die Verantwortung der kommunalen Familie in der Bildung. Die Mitglieder der KEG seien „Stimme der Praxis“ und setzten ihre christlichen Überzeugungen für eine moderne und realistische Gestaltung von Bildung und Erziehung ein. Sie sichere sozialen Anspruch, fachliche Qualität und gutes Miteinander.

In diesem Jahr kämen vier große Herausforderungen auf die Lehrer zu, sagte der stellvertretende KEG-Bezirksvorsitzende Erwin Müller. Es nannte den neuen Grundschullehrplan, der den Blick auf das Kind, die Kompetenzorientierung und die Rolle des Lehrers als Lernbegleiter betone. Weitere Aufgaben seien der Ausbau der Ganztagsschulen als Lern- und Lebensraum, die flexible Grundschule, die Kinder begabungsgerecht fördert, sowie die Inklusion. Hier brauchten die Lehrer mehr Kompetenzen und bessere Rahmenbedingungen, um Kinder mit und ohne Behinderung wohnortnah zu unterrichten. Er wünschte den Zuhörern die Kraft, Liebe für die Kinder zu zeigen und so wertvolle und wertschätzende Arbeit leisten zu können.

Die Pianistin Steffi Rösch umrahmte die Feier mit virtuosen, kraftvollen Beiträgen am Klavier.

Theresia Wildfeuer in der PNP vom 27.01.2014

 

Unsere Homepage verwendet Cookies. Nähere Informationen erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Durch die weitere Nutzung unseres Angebotes stimmen Sie der dort beschriebenen Nutzung von Cookies auf unserer Homepage zu.